Leserbrief / Antwort: Religion ist eben nicht Privatsache (6 min)

LINK zum Original Leserbrief vom 09.11.2017

 

Eine der grössten Errungenschaften der Aufklärung ist die Trennung von Kirche und Staat. Im Zuge dieser Entwicklung wurden die staatlichen und kirchlichen Sphären getrennt. Dies legte die Basis für unsere heutige Demokratie und den Rechtsstaat. Man muss sich aber nicht einmal der Geschichte bedienen, um die Wichtigkeit einer säkularen Ordnung (das heisst eine staatliche Ordnung, in der Kirchen und Staat getrennt sind) zu erkennen. Blicken wir nur einmal in den Irak bzw. nach Syrien. Der sogenannten Islamische Staat hat dort einen „Gottesstaat“ errichtet und herrscht mit harter Hand, ohne Demokratie, ohne Menschenrechte – und das alles im Namen Gottes, im Namen der Religion.

 

Nun hat Herr Oberholzer die Jungfreisinnigen offensichtlich falsch verstanden. Die Jungfreisinnigen stellen weder christliche Werte noch die christliche Solidarität in Frage. Sie wollen weder Kirche noch Religion verbieten. Sie wollen lediglich den Prozess, den die europäische Aufklärung angestossen hat, vollenden. Und die Jungfreisinnigen wollen gleich lange Spiesse für alle gemeinnützigen Organisationen schaffen: Wieso sollen die Landeskirchen global mit Steuergeldern unterstützt werden, andere Vereine und Organisationen müssen aber „mühsam“ um jeden Rappen kämpfen? Wieso sollen Unternehmer gezwungen werden, Kirchensteuern zu zahlen, wenn sie vielleicht diesen Betrag lieber für andere soziale Projekte ausgeben wollen? Eine Abschaffung der zahlreichen Privilegien würde zudem immense Chancen für die Kirchen bieten. Sie müssten sich, ähnlich wie dies bereits jetzt bei Freikirchen geschieht, die dadurch immensen Zulauf geniessen, innovativ und neu positionieren, um dem Zeitgeist zu entsprechen und Mitglieder zu gewinnen. Die Plakatkampagne der reformierten Kirchen zum 500-jährigen Jubiläum, ist ein gelungenes Beispiel dafür.

 

Herr Oberholzer wirft den Jungfreisinnigen vor, sie wollten die Schweiz abschaffen. Dieser Vorwurf basiert wohl auf einer diffusen Angst des Schreibenden vor dem Fremden, dem anderen und zudem auf offensichtlicher Ahnungslosigkeit betreffend der freisinnigen Tradition dieses Landes. Fakt ist: Die Jungfreisinnigen haben sich den zentralsten Wert dieses Landes, den Erfolgsgaranten schlechthin, den Kern unserer Verfassung auf die Fahne geschrieben: die Verteidigung der Freiheit. Hätte Herr Oberholzer nicht nur die Präambel der Bundesverfassung, sondern noch etwas weitergelesen, wäre er auf den ersten Absatz des Zweckartikels gestossen: „Die Schweizerische Eidgenossenschaft schützt die Freiheit und die Rechte des Volkes und wahrt die Unabhängigkeit und die Sicherheit des Landes.“

 

Die weiteren Vorwürfe von Herrn Oberholzer sind teilweise so tief unter der Gürtellinie, dass man darauf in einer erwachsenen Diskussion eigentlich gar nicht reagieren sollte. Dennoch bedürfen zwei Vorwürfe der Klarstellung: „Diese Jungpolitiker“ wie Herr Oberholzer uns nennt, haben schon mit verschiedenen Aktionen gezeigt, dass wir uns nicht nur einfach profilieren, sondern dass wir der Gesellschaft auch etwas zurückgeben wollen. Eben genau mit Gemeinsinn, mit Freiwilligenarbeit. In diesem Zusammenhang haben wir diverse Aktionen organisiert, deren Erlöse an gemeinnützige Vereine gingen – und dabei handelte es sich um Beträge, die das eigene Budget der Partei deutlich überstiegen. Zweitens beruft sich Herr Oberholzer auf die Bundesverfassung sowie die Gründerväter der Eidgenossenschaft, während er den Jungfreisinnigen aufgrund derer religiöser und kultureller Hintergründe ins Gesicht sagt, sie sollen als Nichtspieler das Maul halten. Sie, Herr Oberholzer, haben offenbar den wahren Geist unserer Verfassung und den Kern unserer Gesellschaft nicht verstanden. Ansonsten würden Sie nicht in dieser Weise anderen Menschen die – wohlgemerkt – freiwillige und ehrenamtliche Teilnahme an der Gestaltung dieses wunderbaren Landes verbieten.

 

Ramiz Ibrahimovic, Rapperswil, bekennender und praktizierender Liberaler

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