Leserbrief / Der alltägliche Klassenkampf (4 min)

Letzte Woche durften die Abonnenten der Südostschweiz eine vermeintlich kompetente Auseinandersetzung mit dem Thema „Schweizer Vermögensverteilung“ geniessen. Der Artikel „Nicht ganz Hundert“ bediente sich beliebter journalistischer und statistischer Tricks, um auf die selbsterklärten Missstände hinzuweisen. Wie gewohnt wurde auch hier der Löwenanteil des Schweizer Vermögens gänzlich unterschlagen. So fand das BVG-Kapital keinen Platz in der Aufstellung. Da unser Volk besonders dort sein Sparkapital anhäuft, erschien die Vermögensverteilung künstlich ungleich verteilt. Neben der Juso-Chefin, kam auch ein vermeintlich objektiver Wissenschaftler zu Wort. Eine Namensuche auf Google entlarvt den vermeintlich objektiven Kommentar als politisch motivierte Parole.

 

Als Schlagsahne-Häubchen wurde ein Kommentar von Henry Habegger serviert. In klassenkämpferischer Manier bestätigte der Redaktor das düstere Bild des Artikels. Wer sich jedoch auch nur ein wenig mit den Themen Wirtschaftsgeschichte und Vermögensverwaltung auseinander gesetzt hat, erkennt ein extrem vereinfachtes und realitätsfremdes Bild. So könne jeder der in Besitz von Millionen ist, mit Grossbankenaktien, bequem vom Golfplatz aus, sein Vermögen vervielfachen. Als Vermögensverwalter frage ich mich, warum eine ganze Armada von Anlageexperten und Investmentverwaltern tagaus tagein die Finanzmärkte verfolgt, um den Kunden selbst eine Wertsteigerung von 5% oder gar 10% zu bescheren. Wer eine reflektierte Auseinandersetzung von Herrn Habegger erwartete, wurde mit klassenkämpferischen Klischees enttäuscht.

 

Die beliebte Mär von der Nachkriegssolidarität durfte selbstverständlich auch nicht fehlen. Effekte wie den kompletten Wiederaufbau Europas, die rasant gestiegenen staatlichen Ausgaben oder gar die Uneinheitlichkeit des Schweizer Steuersystems werden vom Schreiberling gänzlich ignoriert. Erneut auf Kosten von politisch gefärbten Stammtischparolen.

 

Ironischerweise nennt der Bericht eine wirkliche Bedrohung der geringverdienenden Bürger: die rasant ansteigenden Krankenkassenprämien. Weitere Armutsquellen, wie die steigenden oder neuen Zwangsgebühren, Steuern und explodierende Sozialkosten werden jedoch verdrängt.

 

Angeführt von angelsächsischen und französischen Pseudoexperten, geniesst die Debatte rund um Vermögens- und Einkommensschere auch in der Schweiz steigende Beliebtheit. Befeuert durch eine bewusst geschürte Neidkultur entpuppt sich diese Diskussion als alt-sozialistischer Wunsche, alle Menschen gleich zu schalten. Die Befürworter bevorzugen eine Welt, in der es allen gleich schlecht geht, einer Gesellschaft in der zwar alle verschieden, aber unter dem Strich gut leben. Ich wünsche mir eine Gemeinschaft, die sich nicht am Reichtum des obersten 10%, sondern der solidarischen Hilfe der untersten 10% widmet. Eine Welt, in der die Aufstiegsmöglichkeiten nur durch die eigenen Fähigkeiten und den individuellen Fleiss gedeckelt werden. Eine Gesellschaft, in der echte Solidarität belohnt und Neid als Schwäche abgelehnt wird.

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