Meinung / E-Voting: Ein nervenaufreibender Onlinemarathon

Abstimmungssonntag. Die Sonne scheint und die Kombination von frischer Luft und warmen Temperaturen verschönern die Abstimmungsresultate zusätzlich. Neben dem doppelten Nein zur Altersvorsorge 2020 wurden etliche Bekannte in Kommunalämter gewählt. Ausserdem freut es mich, dass das örtliche Stimmvolk in Rapperswil-Jona Ja zur Solidarbürgschaft für die Finanzierung von Alterswohnungen gestimmt hat. Ein zusätzliches Novum war der Testversuch meiner Stadt in Sachen e-Voting.

 

Als junger und IT-affiner Politmensch war ich anfänglich sehr erfreut über den Entschluss der Stadt, das Experiment zu wagen. Als ich von den Kehrseiten des e-Votings hörte, entschied ich mich, die Sache selbst kritisch zu testen. Mein Fazit fällt ernüchternd aus: Es ist nicht benutzerfreundlich, reduziert kein Papier und dauert enorm länger als das Ausfüllen des Stimmzettels. Wenn man sich zudem die sicherheitstechnischen Bedenken anhört, kann ich die Warnungen der Nationalräte Marcel Dobler und Franz Grüter ein Stück weit nachvollziehen.

 

Nicht benutzerfreundlich

Schon der Einstieg in das System erweist sich als mühsam: Entweder man tippt eine sehr lange URL ab oder man scannt den QR-Code. Letzteres hatte ich bisher nie auf dem Laptop gemacht und daher musste ich zuerst eine Applikation installieren.

 

Die zweite Seite bietet weitere Unannehmlichkeiten. Sie enthält die Drohung, dass das Fälschen der Identität oder der Stimmzettel mit Freiheits- oder Geldstrafen geahndet wird. Wie wollen wir Menschen zum e-Voting animieren, wenn der Vorgang bereits auf Seite zwei mit schwedischen Gardienen droht? Ich kann mir vorstellen, dass einige Wähler bei diesem Schritt ihren Laptop zur Seite gelegt und brieflich abgestimmt haben.

 

Der geduldige und mutige User muss danach eine Unmenge an Codes abtippen. Neben dem 20-stelligen Initialisierungscode und dem Geburtsdatum geht es zum Bestätigungs- und Finalisierungscode. Spätestens da war ich froh, dass ich eine gewisse Zeit lang im Backoffice einer Handelsabteilung arbeiten durfte, wo das schnelle Abtippen von Zahlen geübt wird. Ich kann mir vorstellen, dass andere Wähler nicht gerade Freude daran hatten. Falls Probleme auftauchen, kann man sich an das Helpdesk wenden. Leider sind diese Öffnungszeiten alles andere als benutzerfreundlich (Mo-Fr von 8.00 bis 11.30 Uhr und 14.00 bis 17.00 Uhr)

 

Ein ganzer Haufen Altpapier 

Positiv zu erwähnen ist die Verfügbarkeit aller relevanten elektronischen Abstimmungsunterlagen. Leider produziert das e-Voting trotzdem mehr Papier als die klassische Variante, denn nur der Rückweg ist elektronisch. Ich persönlich achte sehr auf umweltbewusstes Handeln. Wenn ich solche dicken Couverts öffne, frage ich mich zähneknirschend wieviel Papier dazu verwendet wurde? Zukünftig wünsche ich mir, dass regelmässige e-Voter nur noch die minimale Anzahl an Papier erhalten. Alles andere ist absurd und nicht zeitgemäss.

 

Zeitaufwand

App installieren, Codes abschreiben und sich durch Artikel des Strafgesetzbuches arbeiten: all das erfordert zeitliche Opfer. Normalerweise dauert meine Stimmabgabe mit der klassischen Variante drei bis fünf Minuten. Bei e-Voting Text hatte ich ein wenig über 15 Minuten. Da ich ja zukünftig die QR-App besitze, kann ich mir dies ersparen. Die weitaus aufwändigeren Schritte (Abtippen der Codes, Feststellung der Identität) bleiben wohl bis zur Einführung der elektronischen Identität (e-ID). Diese wird aber vor 2020 nicht verfügbar sein.

 

Resultate

Über die meisten Nachteile könnte ich hinwegsehen, wenn die Resultate und die Sicherheit stimmen. Eine Zürcher Untersuchung dämpft jedoch meine Euphorie. Nur knapp 20% der Stimmen wurden elektronisch abgegeben, eine höhere Stimmbeteiligung konnte nicht festgestellt und zusätzliche junge Wähler konnten nicht angelockt werden. Ausserdem ist die jetzige Variante, ohne e-ID nicht 100% sicher. Wollen wir unsere hart erarbeitete Demokratie bei einer flächendeckenden Ausbreitung für ein Experiment aufs Spiel setzen?

 

Fazit

Die Lektüre und der Praxistest haben bei mir einen enttäuschten Eindruck hinterlassen. Ich halte das jetzige e-Voting System für enorm aufwändig, nicht benutzerfreundlich und umweltbelastend. Wenn zusätzlich die Resultate enttäuschen und die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann, kann ich mich bei bestem Willen nicht für eine flächendeckende Einführung erwärmen. Stattdessen sollten wir besonnen über eine partielle Ausbreitung für Auslandschweizer nachdenken. Eine offene und objektive Diskussion ohne emotionale Angriffe täte auch diesem Thema besonders gut.

 

Links

https://www.zh.ch/bin/ktzh/rrb/beschluss.pdf?rrbNr=1391&name=Evaluation_E-Voting_Z%C3%BCrich&year=2011&_charset_=UTF-8

https://www.facebook.com/marcel.dobler.politiker/photos/a.730684543677456.1073741831.730467207032523/1441305442615359/?type=3&theater

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