Motivationsschreiben / Warum will ich Schweizer werden?

Als ich als sechsjähriger Junge im Mai 1993 in die Schweiz gekommen bin, hatte ich schon eine gewisse Vorstellung von meinem zukünftigen Heimatland. Bildlich stellte ich mir damals die Schweiz wie in einem alten Heimatfilm nach Jeremias Gotthelf vor: überall satte Wiesen, Wälder, Täler und verschneite Berge. Meine Eltern erzählten mir, dass die Schweizer ein Volk sind, welches vier verschiedene Sprachen spricht und in Freiheit und Frieden miteinander lebt. Dies war nicht selbstverständlich für mich, denn damals kamen wir aus einem von Nationalismus und Krieg zerrissenen Land.

 

Wenig später konnte ich die Schweiz aus meinen eigenen Augen erkunden und erkannte, dass mein Bild vom bergigen Land nur teilweise der Realität entspricht. Wir reisten damals viel und ich entdeckte sowohl die vielen verschiedenen Städte wie St. Gallen, Zürich oder Lausanne als auch Sehenswürdigkeiten wie die Rapperswiler Altstadt, das Kloster von Einsiedeln und das Château de Chillon. Auch wenn ich nicht überall von Bergen und grünen Tälern umgeben war, blieb das Bild vom friedlichen und freiheitsliebenden Volk.

 

Als ich acht Jahre alt war zogen wir ins Jonemer Busskirch und gleich danach zog mich das nun vereinte Rapperswil und Jona in seinen Bann. Am Wochenende gingen wir in der Altstadt spazieren, im Grünfeld Fussball spielen oder im Stampf baden. Speziell der Obersee war es, der mich heute immer noch in seinem Bann hält und den ich immer vermisse sobald ich über eine gewisse Zeit lang in den Ferien bin. In der Schule konnte ich mich von Anfang an gut integrieren. Ich lernte in einem halben Jahr in einer speziellen Deutschklasse genügend Deutsch um in eine reguläre erste Klasse zu wechseln. Somit verlor ich kein Jahr und konnte nahtlos in die zweite Unterstufe wechseln. Meine Eltern förderten mich bei meinen schulischen Aktivitäten und so war ich während meiner Volksschulzeit Mitglied im Weihnachtschor, der Schülerband und bei ausserschulischen Vereinen wie der Pfadi oder verschiedenen Sportclubs.

 

Während meiner Sekundarschulzeit hatte unser Geographie- und Geschichtslehrer mein Interesse für Geschichte geweckt. Danach fing ich an mich mit der Vergangenheit der Schweiz auseinanderzusetzen. Ich las vieles über die Gründung der Eidgenossenschaft, der Helvetischen Republik und die Entstehung des modernen Bundesstaates. Eine wichtige Lektüre für mich war Schillers „Willhelm Tell“ denn durch sie konnte ich einen tiefen Einblick in die Eigenheiten des Urschweizerischen Geistes gewinnen. Ich war fasziniert vom Freiheitskampf gegen die Tyrannei des habsburgischen Vogtes und von der Aufopferung des frommen und naturverbundenen Tell und dessen Gefährten. Schade, dass dieses Meisterwerk nicht regulär in unserem Stundenplan besprochen wurde.

 

Heute stehe ich mit beiden Beinen fest im Leben, richte mich nach den Gesetzen und Vorschriften der Schweizerischen Gesellschaft. Ich behandle alle Menschen mit Würde und Respekt und versuche deren Standpunkte, auch wenn sie meinen widersprechen, nachzuvollziehen. Zuhause trenne ich den Abfall und achte aktiv auf die Natur. Gleichberechtigung und eine Chance für Jedermann sind Grundsätze, die ich in der Schweiz kennengelernt habe und ich richte mein Leben danach aus. Das politische Geschehen, sowohl in der Schweiz als auch International, interessieren mich sehr und ich bewundere den Schweizer Föderalismus. Dieser Grundsatz von Eigenverantwortung und Selbstbestimmungsrecht ist auch ein wichtiger Grund mich, mich ins politische Geschehen dieses Landes einzubinden.

 

Dank meiner Schweizer Freundin konnte ich auch die alltäglichen Gepflogenheiten hier in unserem Land kennenlernen. Wir geniessen es, stundenlang bei Wein und einer guten Käseplatte über die neusten Wahlergebnisse und deren Wirkungen zu debattieren. Es schmerzt, dass ich weder im Land in welchem ich geboren wurde noch in der Schweiz, meinem jetzigen und zukünftigen Lebensmittelpunkt, keine Staatsbürgerrechte wahrnehmen darf.
Ich bin davon überzeugt, dass meine persönliche Geschichte, mein Charakter und die Lebensweise mich zu einem guten Teil der Schweizer Gesellschaft gemacht haben und daher möchte ich mit einer Einbürgerung einen weiteren und wichtigen Schritt machen.

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